Die Zeit totschlagen

von Sascha Müller

Tick Tack, Tick Tack, Tick Tack, Tack Tick, Tick Tick, Tack Tick, Tick Tack,
ICH HALTE DAS NICHT MEHR AUS! ICH WILL; ICH KANN SO NICHT MEHR; ICH MUSS RAUS; ICH MUSS LEBEN; ICH MUSS...
Ich muss, ich muss DIE ZEIT TOTSCHLAGEN!! Ja genau, ich muss sie totschlagen, die Zeit, mit einem großen Knüppel, schlag ich die Zeit tot, genau hier in meinem Zimmer. Der Zeitpunkt ist erreicht, es geht so nicht mehr, ich habe alles versucht, ich habe die Zeit schon vor und zurückgedreht, ich habe die Zeit gestohlen und habe die Zeit vertrieben, doch es half alles nichts. Die Zeit geht mir nach wie vor auf den Wecker. Ich werde wahnsinnig. Immer dieser Druck, dieser elende Zeitdruck dieses oder jenes zu dieser oder jener Stunde tun zu müssen, nie habe ich Zeit das zu tun, was ich will, nämlich nichts. Ich möchte mal Zeit haben absolut gar nichts zu tun. Aber ich habe ja keine Zeit, ich habe nur Zeit zu arbeiten, ich habe nur Arbeitszeit, keine Freizeit und das macht mich verrückt. Die Zeit macht mich mit der Zeit langsam aber sicher gefährlich schnell wahnsinnig. Ich bin ein Opfer der Zeit, das will ich aber gar nicht und deshalb ist an der Zeit das zeitig zu ändern und deshalb schlage ich sie tot. Ich werde jetzt die Zeit totschlagen, hier in meinem Zimmer mit einem großen Knüppel.
Ich muss nur aufpassen, dass sie nichts merkt. Vorsichtig schaue ich mich um, und wie es aussieht, ist die Zeit gekommen, sie ist hier in meinem Zimmer. Die Zeit steht still in meinem Zimmer und schaut mich an. Scheiß Spannerin. Nie kann sie mich in Ruhe lassen, dauernd geht sie mir auf den Zeiger. Aber damit ist jetzt Schluss. Jetzt ist es aus, Zeit. Ich nehme den Knüppel und ihr letztes Stündlein hat geschlagen. Tock, Tock zwei dumpfe Schläge auf den Kopf. Doch das kleine Miststück ist zäher als erwartet und fängt trotz der gut platzierten Schläge an zu laufen. Ich laufe natürlich gleich hinterher, doch ich bin zu langsam. Die Zeit läuft mir davon, so schnell läuft sie.
Und so schnell, wie sie läuft, ist die Zeit dann auch abgelaufen. Keine Kondition die Gute. Tock, voll auf die Zwölf und sie geht zu Boden. Sieg.
Ich habe es geschafft, endlich habe ich es geschafft. Sekunden wie ein ganzes Leben, Minuten wie eine Ewigkeit, endlich bin ich frei, endlich bin ich Zeit los, endlich kann ich leben. Das ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung, der Beginn der Zeit ohne Zeit, der Beginn meines restlichen Lebens, denk ich mir, als plötzlich meine Mutter das Zimmer betritt und mir was von einem 6 Uhr Termin erzählen will. Das ist völlig unmöglich, ich habe die Zeit doch gerade totgeschlagen. Zur Sicherheit prügle ich erneut auf den Leichnam ein, doch meine Mutter labert immer noch Müll. Mist. Wie kann das sein? Meine Mutter würde so etwas doch nie zu mir sagen. Was ist nur passiert? Da, jetzt sehe ich es, den Wahnsinn in ihren Augen, aus meiner Mutter spricht nicht meine Mutter. Das ist, das ist, das ist der Zeitgeist. Der Zeitgeist ist in meine Mutter gefahren, um sich an mir zu rächen. Die Sau. Ich bin stink sauer und könnte in Flammen aufgehen. Ich hasse die Zeit.
Der Knüppel zittert in meiner Hand. Ich hasse die Zeit, aber ich liebe Mutti. Ich liebe Mutti und deshalb gehe ich wieder mit der Zeit und zu meinem 6 Uhr Termin.

“Tick Tack, Tick Tack, Tack, Tack Tick, Tick Tick, Tack Tick, Tick Tack”, dröhnt es wieder in meinem Kopf. “ICH HALTE DAS NICHT MEHR AUS. WAS SOLL ICH NUR TUN… Was soll ich nur tun? “, schrei ich mitten in der Besprechung. „Kommt Zeit kommt Rat“, sagt mein Chef und klopft mir auf die Schulter, worauf der Kugelschreiber in meiner Hand zu zittern beginnt. Jaaa, lass sie nur kommen, lass sie nur kommen.