DAS RINGEN UM DAS GYMNASIUM
Aulendorf, dem kleinen Städtchen, das an der Grenze zweier Landkreise liegt, wurde das Gymnasium nicht in den Schoß gelegt. In drei Anläufen setzten sich Stadtverwaltung wie auch tatkräftige und weitsichtige Bürger ein, bis die höhere Schule endgültig ihre Arbeit aufnehmen konnte. Wie es dazu kam, soll im ersten Teil der Festschrift dargestellt werden.

VORSPIEL
Das Bedürfnis nach einer höheren Schule lässt sich in Aulendorf bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Bürgermeister Vochezer, der von 1929 bis 1954 die Geschicke der Stadt leitete, führt in einem unveröffentlichten Manuskript an, dass im Jahre 1876 eine Mittelschule in Aulendorf errichtet wurde. Allerdings löste sie sich 1896 wieder auf, weil der Lehrer gestorben und der Besuch zurückgegangen war.
In den nachfolgenden Jahren scheiterte der Versuch des Gemeindevorstehers Bammert, eine Lateinschule in Aulendorf aufzubauen.
1911 – so berichtet Vochezer weiter – kam der Wissenschaftslehrer Josef Marcus aus Blaubeuren bei der Stadtverwaltung mit dem Vorschlag ein, eine höhere Privatschule in Aulendorf zu gründen.
"Es wurde diesem mündlich und schriftlich mitgeteilt, daß die Gemeinde der Gründung einer solchen Schule sympathisch gegenüber stehe und er somit auf Unterstützung rechnen könne. Aber auch dieser Plan scheiterte an dem Mangel genügender Beteiligung von Schülern.“
Die Ursachen für das Fehlschlagen dieses Planes, aber auch der vorhergehenden Versuche, sah Vochezer in der vor dem Ersten Weltkrieg noch anderen Struktur der Gemeinde, „... verhältnismäßig wenig Beamten- und Angestellten-Familien“, den wenig günstigen allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen, aber auch in der Tatsache, dass für einfache und mittlere Beamtenlaufbahnen die Vorbildung über die Volksschule ausreichte.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Einwohnerzahl Aulendorfs um rund ein Drittel, im Jahre 1910 waren es 2265 Einwohner, 1931 waren es 3200 Einwohner - darunter viele Beschäftigte bei der Eisenbahn. Ein Schulhausneubau wurde nötig. Er erfolgte auf der Breite, belastete die Geldmittel der Gemeinde aber nicht unerheblich, so dass an den Aufbau einer höheren Schule nicht zu denken war. Hatte sein Vorgänger, Schultheiß Bammert, noch den Schulhausneubau auf der Breite ins Werk gesetzt, so unternahm sein Nachfolger im Amt, Bürgermeister Vochezer, 1931 den Versuch, für Aulendorf die Genehmigung zum Aufbau „einer Latein- oder Realschule“ zu erhalten. Dieser Schultyp ist die damalige höhere Schule einer ländlichen Gemeinde; aus ihm ging später häufig die Form des Progymnasiums hervor.
Am 14. Juli 1931 schrieb er an die Ministerialabteilung für die höheren Schulen in Stuttgart, stellte das Wachstum der Gemeinde dar, berichtete über die Zahl der Aulendorfer Schüler, die auswärts eine höhere Schule besuchten und wies auch darauf hin, dass im neuerbauten Volksschulgebäude 2 bis 3 Lehrsäle frei seien. Er schloss seinen Antrag: „Wir werden, wie schon angedeutet, hierzu nicht nur von allen Seiten gedrängt, sondern sind selbst auch überzeugt von der Notwendigkeit, endlich einmal das zu bieten, was bei den jetzigen hiesigen Verhältnissen zu entbehren auf die Dauer nicht mehr möglich ist...“ Zwei Tage später trat er eine Reise nach Stuttgart an, um persönlich bei der Ministerialabteilung für sein Vorhaben zu werben. Er tat diesen Schritt „in vollem Einverständnis und mit ausdrücklicher Billigung“ des Gemeinderates. Dennoch fiel die Antwort aus Stuttgart ablehnend aus: „Die Ministerialabteilung anerkennt gerne die Gründe, ... ist aber leider nicht in der Lage diesen Wunsch weiter zu verfolgen in einer Zeit, wo die Finanzlage des Staates zu den einschneidendsten Sparmaßnahmen auf allen Gebieten zwingt...“ - Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise hatten inzwischen also auch Aulendorf erreicht.
Abschließend soll zu diesem Vorgang noch das „Aulendorfer Tagblatt“ mit einem Kommentar vom 24. August 1931 zu Wort kommen. Seine Stellungnahme ist - in einer Zeit leerer Kassen - weniger bestimmt vom Bildungs- als vielmehr vom Ausbildungsgewinn einer höheren Schule in Aulendorf, den es als äußerst fraglich einschätzt: „Den Schülern der oberen Klassen wird dann bei jeder Gelegenheit vor Augen gehalten, dass die Aussichten für später trostlos sind. Warum also keine schärfere Auslese und wozu die Errichtung weiterer Schulen ...?“

NEUBEGINN IM JAHR 1945
Die Besatzungsmächte zerschnitten 1945 Württemberg in Besatzungszonen. Der südliche Teil einschließlich Hohenzollerns wurde französische Besatzungszone, die von Tübingen aus verwaltet wurde. Aus ihr ging der württembergische Teilstaat Württemberg - Hohenzollern hervor, der sich im Mai 1947 eine eigene Verfassung gab. Um die Rahmenbedingungen noch etwas näher zu beschreiben, sollen in allgemeiner Form die Anstrengungen erwähnt werden, die nötig waren, um Verwaltung, Rechtspflege und Wirtschaftsleben in Gang zu bringen. 1948 bildete die Währungsreform einen großen Einschnitt im wirtschaftlichen und praktischen Leben. Bei der Tiefe der Zäsur, die das Jahr 1945 in der deutschen Geschichte darstellt, war es nicht verwunderlich, dass die Schule, die als einzige Erziehungsinstitution die deutsche Jugend über Jahre hinweg erfasste, in den Mittelpunkt des Interesses rückte. Das Konzept der französischen Militärregierung sah die Beseitigung des nationalsozialistischen Gedankengutes in der heranwachsenden Generation vor. Die Umerziehung war notwendiger Bestandteil der französischen Deutschlandpolitik, und sie selbst sollte vor allem über die Schule erfolgen. „Die Gymnasien, die die deutsche Jugend auf den Besuch der Universität vorbereiteten, standen nach Ansicht der Militärregierung unter demselben Gesetz - sie hatten die Jugend unter Berufung auf die große Tradition des deutschen Idealismus und Humanismus durch eine übertriebene und falsch verstandene Pflege der lateinischen und griechischen Sprache fern der Realität des sie umgebenden wirklichen Lebens zu romantischen Schwärmern erzogen, die schließlich ein leichtes Opfer militaristischer und nationalsozialistischer Irrlehren wurden.“ (R. Winkeler, Schulpolitik in Württemberg-Hohenzollern 1945-52. Stuttgart 1971).
Neben der Entnazifizierung der Lehrerschaft sollte aus diesem Grund die Einführung des französischen Sprachunterrichts mit 6 Wochenstunden für die Umorientierung sorgen. Auch setzte die französische Militärregierung an die Stelle des herkömmlichen Abiturs die zentral durchgeführte und nun anonym korrigierte Reifeprüfung, die auch eine Verschärfung des Anspruchsniveaus mit sich brachte, da es nach ihrer Auffassung galt, den stellungslosen Akademiker als Gefahr für die sich bildende Demokratie gar nicht mehr bedeutsam werden zu lassen.
Neben der Besatzungsmacht hatten vor allem noch die Kirchen Vorstellungen davon, wie die entstehende Schullandschaft aussehen sollte.
Unabhängig von Differenzen zwischen dem Oberkirchenrat in Stuttgart und dem Ordinariat in Rottenburg, ob denn nun die Volksschule eine Simultan- oder eine Konfessionsschule sein solle, sah man in kirchlichen Kreisen die gerade zu Ende gegangene Zeit des Nationalsozialismus als Folge der unaufhaltsamen Säkularisierung des öffentlichen Lebens. Ziel kirchlicher Schulpolitik musste es folglich sein, in allen Schularten die Jugend zu neuer Gläubigkeit und zur Achtung der Gebote Gottes zu erziehen. Die Auffassung der sich bildenden politischen Parteien mit Ausnahme der Demokratischen Volkspartei und der Kommunistischen Partei unterschied sich hiervon nicht einmal sehr stark. Die französische Militärregierung ernannte 1946 den damaligen Ravensburger Oberbürgermeister Dr. Albert Sauer zum Leiter der Landesdirektion für Kultur, Erziehung und Kunst in Tübingen.
In den folgenden Jahren verzichtete sie im Zuge der allmählichen Demokratisierung des öffentlichen Lebens zunehmend auf immer weitere ihrer Befugnisse, so dass nun Regierung und Landtag des Landes Württemberg - Hohenzollern das Schulwesen nach eigenen Vorstellungen gestalten konnten.

AUFBRUCH IN AULENDORF
Skeptisch stand nicht nur die französische Militärverwaltung einer Ausweitung des Anteils von Gymnasiasten unter den Schülern gegenüber, auch in der Bevölkerung Württemberg - Hohenzollerns fanden sich bildungsskeptische, ja bildungs-feindliche Tendenzen. Erziehung hatte dem Menschen als sittlichem Wesen zu dienen, nicht aber der Ausbildung zum „Spezialisten“, zum „Fachmann, was gerade die moralische Integrität des einzelnen zu gefährden schien.
Umso erstaunlicher ist es, dass sich im Frühjahr 1949 in Aulendorf eine erste Interessengemeinschaft bildete, deren Absicht es war, im Ort die Errichtung einer Oberschule durchzusetzen. Dieser Gemeinschaft, zu deren Bildung der Gewerbeoberlehrer Alfons Braun aufgerufen hatte, gehörten als weitere Mitglieder vor allem der Lehrer Hans Zimmermann, Reichsbahn-Oberinspektor Max Messerschmid und der Kaufmann Gotthilf Aisenbrey an. Insgesamt zählte die Gruppe ca. 30 Mitglieder. Die Mitglieder dieser frühen Eltern- oder Bürgerinitiative, die nicht ohne Einfluss in der von Landwirtschaft, Kleingewerbe und Dienstleistungen (Eisenbahn und Post) geprägten Gemeinde waren, versuchten nun, für ihr Anliegen die Öffentlichkeit zu gewinnen.
In einer „Unterschriftensammlung zur Errichtung einer Oberschule in Aulendorf“, die von 19, den Aulendorfern wohlbekannten Persönlichkeiten unterzeichnet ist (Bürgermeister Vochezer; Pfarrer Metzler; Pfarr-Vikar Kaiser; Reichsbahnamtmann Buhlmeier; Postrat Wagner; für die Einheitsgewerkschaft der Eisenbahn: R. Beck; Oberpostinspektor E. Kicherer; Franz Blaser, Fuhrunternehmer; Mathias Thaler; A. Nußbaumer; Lehrer H. Zimmermann; Lehrer Eug. Waller; Landwirt Chr. Pfäffle; H. Tremp für die Gewerkschaft Eisen und Metall; Oberpostmeister A. Scherrieb; Tapeziermeister Karl Späth; Reichsbahnoberinspektor Max Messerschmid; Gewerbelehrer Braun; Kaufmann Gotthilf Aisenbrey)  wurde um Zustimmung für das Vorhaben geworben.
„Die Unterzeichneten beantragen die raschmöglichste Errichtung einer Oberschule in Aulendorf.“
Die Bürger sollten sich in eine Liste mit Vornamen, Zunamen, Beruf und Anschrift eintragen. In einem Schreiben an den Bürgermeister und die Gemeinderäte Aulendorfs vom 24. Juni 1949 konnten G. Aisenbrey und M. Messerschmid das Ergebnis dieser Aktion so zusammenfassen:
„Die Sammlung ergab 1012 Unterschriften von Personen, die die Errichtung einer Oberschule hier wollen.... Wenn in einem demokratischen Staat der Wille der Bevölkerung wirklich entscheidend sein soll, dann muss hier diesem lange gehegten Wunsch endlich einmal entsprochen werden.“ Die hohe Zahl der Unterschriften (auch Bürgermeister Vochezer hatte den Aufruf mit unterzeichnet; die Gesamteinwohnerzahl Aulendorfs betrug 1949 rund 4000) stärkte die Position der Interessengemeinschaft. So konnten Aisenbrey und Messerschmid in ihrem Schreiben fortfahren: „Dies veranlaßt zu folgenden Forderungen:
1. Der Gemeinderat wolle die Errichtung einer Oberschule hier genehmigen und sich voll und ganz für die Verwirklichung dieses Planes einsetzen und mit dem Herrn Bürgermeister alle dazu nötigen Maßnahmen beraten und durchführen.
2. Der Gemeinderat wolle eine Abordnung nach Tübingen schicken...
5. Die Behandlung dieser Frage soll ohne großen Zeitverlust aufgenommen und durchgeführt werden, damit die Schule auf 1. September 1949 eröffnet werden kann ...“
Wie geschickt die Mitglieder der Interessengemeinschaft die Klaviatur der Einflussnahme beherrschten, wird deutlich daran, dass sie sich nicht nur auf die Unterschriftenaktion in Aulendorf verließen. Parallel zur Befragung der Bevölkerung wandte sich der Eisenbahner M. Messerschmid am 16. Mai 1949 über das Eisenbahnamt Friedrichshafen an seine oberste Dienstbehörde, die Eisenbahndirektion Karlsruhe. Messerschmid verwies auf mehr als 500 aktive Eisenbahner in Aulendorf. Er schilderte die Bahnfahrt der 10-jährigen Gymnasiasten nach Ravensburg, die Benachteiligung dieser Kinder durch die Schrecken des Krieges, ihre bestehende Unterernährung. Diese rund 100 Aulendorfer Kinder seien bis zu 13 Stunden von zu Hause abwesend.
Er schloss das Schreiben:
„Im Namen dieser Kinder und deren Eltern bitte ich die Eisenbahndirektion Karlsruhe von dort aus an die Regierung in Tübingen (Kultministerium) sowie an das Landratsamt in Ravensburg und an das Bürgermeisteramt Aulendorf entsprechende Schreiben zu richten.“ - Nur 3 Wochen später wandte sich die Eisenbahndirektion Karlsruhe an die ihr untergebenen Ämter in Friedrichshafen und Ravensburg mit der Bitte um eine Stellungnahme zu dem Gesuch aus Aulendorf. Messerschmid bezog neben der Eisenbahndirektion auch die Einheitsgewerkschaft der Eisenbahner, Bezirk Baden-Württemberg ein. Erhalten sind die Eingangsbestätigung seines Schreibens und auch die deutliche Befürwortung des Vorhabens: „Es war uns klar, daß diesem Antrag wegen seiner erzieherischen und moralischen Notwendigkeit eine unbedingte Unterstützung bzw. Beachtung geschenkt werden muß.“ -  Nun kamen auch auf der lokalen Ebene die Dinge ins Rollen. Am 7. Juli 1949 beschloss der Aulendorfer Gemeinderat eine Oberschule in Aulendorf zu errichten. Eine Woche später bereits stellte das Bürgermeisteramt Aulendorf beim Landratsamt Ravensburg den Genehmigungsantrag und fügte in einer Anlage den bemerkenswerten Zusatz hinzu: „... daß der Gemeinderat bereit ist, die Schule, wenn es nicht anders gehe, voll zu finanzieren, also sowohl die Kosten des Lehrers, des Schullokals sowie alle sonstigen Nebenleistungen, einschließlich der Lehrmittel, auf die Gemeinde zu übernehmen ...“ (zitiert aus der Abschrift Land Württemberg-Hohenzollern, Kultministerium, TU III Nr. 4032 vom 9.11.49, an das Gemeinschaftliche Landratsamt in Schulsachen, Ravensburg).
Diese unerwartete weitgehende Befürwortung des Planes durch den Gemeinderat schien die Mitglieder der Interessengemeinschaft aber keineswegs zu beruhigen. Sie waren Menschen mit einem gehörigen Schuss Skepsis, die ihr Vorhaben nach allen Seiten abzusichern suchten. Auch dürfte die Aulendorfer Interessengemeinschaft erste behördliche Bedenken gespürt haben, denn in einem Schreiben vom 27. Juni 1949 des Kultministeriums des Landes Württemberg - Hohenzollern an die Einheitsgewerkschaft der Eisenbahner, von dem Messerschmid am 1. Juli 1949 Kenntnis erhalten hat, berief sich das Ministerium auf eine Aussage des Aulendorfer Bürgermeisters, die Gemeinde sei nicht imstande, „die sachlichen und persönlichen Kosten“ einer Oberschule zu übernehmen. Es empfahl der Gewerkschaft, auf bessere Verkehrsverbindungen im Aulendorfer Raum hinzuwirken, so dass Fahrschüler es leichter hätten, andere Schulorte zu erreichen.
Noch schien es jedoch, als sei das Pulver der Aulendorfer Interessengemeinschaft nicht verschossen. So schrieb Messerschmid am 24. Juli 1949 an den Prälaten Dr. Sedlmeier, Domkapitular in Rottenburg:
„Wir befürchten nun, und wir glauben mit Recht, dass Kultminister Sauer, der zugleich, wie Ihnen bekannt sein dürfte, Bürgermeister von Ravensburg ist, die Angelegenheit hintertreibt, da er natürlich bestrebt ist, soviel wie nur möglich, Schüler nach Ravensburg zu bekommen.“
Er bat den Prälaten um Unterstützung für das Aulendorfer Vorhaben, denn „die Gefahr der Verbummelung durch die bis zu 13-stündige Abwesenheit von zu Hause“ mache die Errichtung einer Oberschule in Aulendorf zur Notwendigkeit , "... um unseren Kindern die geschilderten Gefahren aus dem Wege zu räumen und dadurch auch mitzuhelfen an der christlichen Erziehung unserer Kinder.“
Auch hier fanden Messerschmid und die Interessengemeinschaft ein offenes Ohr. Prälat Dr. Sedlmeier berichtete wenige Tage später davon, dass er in Tübingen das Anliegen der Aulendorfer unterstützt habe.
Max Messerschmids Bruder, Akademiedirektor in Calw, wurde schriftlich ebenfalls um Beistand gebeten, sagte diesen auch zu, zeigte sich jedoch hinsichtlich seiner Einflussmöglichkeiten zurückhaltend. Dr. Felix Messerschmid empfahl seinem Aulendorfer Bruder den Gang an die Öffentlichkeit in Form einer Pressekampagne.
Diese Anregung griff Max Messerschmid jedoch nicht auf. Überhaupt schien nun, im August 1949, ein gewisser Stillstand eingetreten zu sein. Tatsächlich hatte die Aulendorfer Interessengemeinschaft ihre Möglichkeiten ausgeschöpft, die Behörden waren nun am Zuge.
Zwar hatte sich eine Bewertung des Aulendorfer Antrags durch das Kultministerium schon im Schreiben an die Einheitsgewerkschaft der Eisenbahner angekündigt, noch aber waren Gemeindeverwaltung und Interessengemeinschaft nicht beschieden worden. In Aulendorf war man sich inzwischen im Klaren darüber, dass eine Aufnahme des Schulbetriebs zum September 1949 so gut wie ausgeschlossen war. Allerdings dehnte sich dann die Zeit bis zu einem endgültigen Bescheid sehr lang. Wieder war es Max Messerschmid, der sich als "Sachbearbeiter des Komitees zur Schaffung einer Oberschule in Aulendorf“ Anfang November 1949 an das Kultministerium in Tübingen wandte und die Frage stellte: „Warum hört man vom Kultministerium nichts? Sollten wir Aulendorfer gezwungen sein, unsere Schulangelegenheiten in den Tageszeitungen auszufechten?“
Die Antwort ließ nun nicht mehr lange auf sich warten. In seiner Stellungnahme vom 9. November 1949 an das Gemeinschaftliche Landratsamt in Schulsachen, Ravensburg, verwies das Kultministerium Tübingen auf die Finanzlage von Gemeinde und Staat, die die Einrichtung einer Oberschule in Aulendorf nicht gestatte.
Es wies weiter auf das Bestehen mehrerer Oberschulen in Aulendorfs Nachbarschaft, so Altshausen, Schussenried, Waldsee, hin. Schließlich schloss das Schreiben mit der Anregung, einen Zweckverband mit den benachbarten Gemeinden "für die Erhaltung und den Ausbau einer leistungsfähigen höheren Schule“ einzugehen. Landrat und Schulrat schlossen sich diesen Vorstellungen an und deuteten die Mitwirkung des Eisenbahnverkehrsamtes Ravensburg an, welches bereit sei, einen Bahnbetriebswagen oder einen Omnibus zu stellen.
Die Antwort der Interessengemeinschaft am 5. Dezember 1949 fiel recht lapidar, politisch aber griffig aus: „Das Komitee .. teilt ... mit, dass wir nach wie vor an der Errichtung einer Oberschule in Aulendorf ... festhalten.“
Man war mit der Verschickung der Schüler nach wie vor nicht einverstanden und berief sich auf die hohe Zahl derer, die mit ihrer Unterschrift eine Oberschule am Ort gefordert hatten.
In einem persönlich gehaltenen Brief verabschiedete sich Max Messerschmid von Bürgermeister Vochezer im November 1949. In diesem Brief vertrat er allerdings eine etwas moderatere Position: „Der neue Vorschlag ist an und für sich nicht von der Hand zu weisen, sofern er von allen beteiligten Gemeinden mit reiner Sachlichkeit behandelt werden wird. Doch wird wohl jede Gemeinde darauf dringen, an ihren Ort diese Verbandsschule zu bekommen.“
Damit endete dieser Akt. Es lässt sich erahnen, dass ein weiterer folgen wird.
Zwar verließ Max Messerschmid, der aktive Kopf dieser ersten Interessengemeinschaft, Aulendorf, was eigentlich keine gute Voraussetzung für einen endgültigen Erfolg der Aulendorfer Bemühungen war - zwar hatte auch Alfons Braun, Gewerbelehrer in Aulendorf und eigentlicher Initiator der Interessengemeinschaft resigniert angesichts der Nutzlosigkeit der Bemühungen: „Mich reute jede Minute, die ich für dieses Aulendorfer Problem geopfert habe. Ich brauche die Schule ja nicht ... Ich habe mich für dieses Problem nur im Interesse Aulendorfs eingesetzt; denn mir haben Eltern schon viel in dieser Hinsicht geklagt …“ – jedoch war nun die Landespolitik in Bewegung gekommen. Im kleinen und chronisch finanzschwachen Württemberg - Hohenzollern mehrten sich die Stimmen, die die Bildung eines leistungsfähigen Südweststaates befürworteten. Damit zeichnete sich auch die Verlegung der Zuständigkeiten auf dem Felde der Schulpolitik ab. Im April 1952 wurden mit der Bildung einer vorläufigen Regierung die bisherigen Länder Baden, Württemberg - Baden und Württemberg - Hohenzollern zu dem neuen Bundesland Baden - Württemberg vereinigt. Dr. Gotthilf Schenkel wurde im April 1952 Kultusminister des neuen Landes. Am 15. Mai 1952 hob das Überleitungsgesetz die Regierungen der bisherigen Teilländer auf. Inzwischen hatte auch die Einwohnerzahl, und damit die Zahl schulpflichtiger Kinder durch den Flüchtlingszustrom stark zugenommen. Aulendorf war - auch in diesem Zusammenhang - 1950 zur Stadt erhoben worden.

DER DURCHBRUCH
Alfons Braun, der als Lehrer bei den Bemühungen um die Errichtung einer Oberschule gegenüber seiner Dienstbehörde eher im Hintergrund blieb, war ein aufmerksamer Beobachter der angedeuteten Veränderungen. Ende August 1951 veröffentlichte die Schwäbische Zeitung einen Artikel, der - ohne Namenszeichen - nur aus seiner Feder stammen konnte:
„Nachdem Aulendorf zur Stadt erhoben worden ist, hat es die Verpflichtung, immer mehr Stadt zu werden. Dazu gehört auch die baldige Errichtung einer Oberschule.... Die Männer, die sich damals zu einem Ausschuss zusammentaten, 1200 Unterschriften ... sammelten, scheinen müde geworden zu sein oder über die Vorbereitung zur Stadterhebungsfeier ... diese Angelegenheit vergessen zu haben.“ Der Verfasser verglich Aulendorf mit anderen Städten, in denen vor kurzem erst Oberschulen errichtet worden seien. Diese Orte seien keineswegs größer als Aulendorf. Der Artikel endet mit dem Appell, die Männer, die sich vor zwei Jahren zusammentaten, möchten die Frage einer Oberschule erneut aufgreifen und zusammen mit der Stadtverwaltung lösen.
Dazu kam es erst 1952.
Braun berichtet:
„Als im April 1952 eine Zeitungsnotiz besagte, dass Altshausen eine 2. Lehrerstelle an seiner Oberschule beantragte - Altshausen hatte die meisten Schüler von Aulendorf - rief ich zur Gründung einer Interessengemeinschaft kleineren Umfangs ... auf.“
Die Arbeit dieser zweiten Interessengemeinschaft - ihr gehörten u.a. an: Kaufmann und Stadtrat Gotthilf Aisenbrey, Gärtnermeister Theoboldt, Apotheker Enz, Bankdirektor Hafner, Gewerbeoberlehrer Alfons Braun, Rektor Roth und Schuhmachermeister Henkel - fand wie oben angedeutet, andere Bedingungen vor als die der ersten. Man war zudem eine kleinere Gruppe und hielt engen persönlichen Kontakt zueinander, wodurch man sich weiter von der ersten Interessengemeinschaft unterschied. Die Vorgehensweise war ebenfalls eine andere, Telefon und schnellere Verkehrsmittel standen zur Verfügung, so dass man mit den Behörden in Tübingen und Stuttgart leicht in Verbindung treten konnte. Auch in Aulendorf spürte die Verwaltung, dass die Bürger nun Ansprüche stellten. Die Interessengemeinschaft sah ihre Aufgabe auf zwei Ebenen: auf der politischen waren Bürgermeister, Gemeinderat und politische Mandatsträger zu gewinnen, dieses Vorhaben nachdrücklich in Tübingen und Stuttgart zu betreiben, auf der anderen Ebene sammelte man Argumentationshilfen. So fragte die Interessengemeinschaft im Mai 1952 beim Bürgermeisteramt Gammertingen nach, wie es der Stadt Gammertingen gelungen sei, eine Oberschule genehmigt zu erhalten. Die Antwort erfolgte prompt und muss den Aulendorfern süß in den Ohren geklungen haben:
„Anfangs stand die Kreisverwaltung Sigmaringen der Sache nicht wohlwollend gegenüber. Schließlich ist es uns gelungen mit allen Schwierigkeiten und Bedenken fertig zu werden.“
Der Aulendorfer Stadtrat beschloss nun erneut die Errichtung einer Oberschule, und Bürgermeister Vochezer teilte im Genehmigungsantrag vom 10. Mai 1952 dem Kultministerium in Tübingen mit:
„Die Forderung nach Errichtung einer höheren Schule seitens der Einwohnerschaft will nicht mehr verstummen und wird mit immer größerem Nachdruck an die Stadtverwaltung herangetragen ...  Die Struktur der Berufsstände ist dahier eine wesentlich andere wie in anderen Städten. Die Bahn- und Postbevölkerung, aus deren Kreisen ein großer Teil der Schüler an den höheren Schulen kommt, nimmt etwa die Hälfte der Einwohnerschaft ein. Es ist Erfahrungstatsache, dass Beamte und Angestellte dieser Verwaltungen ... bei Stellenbesetzungen sich weigerten, sich hierher versetzen zu lassen oder sich bemühten, von hier wieder wegzuziehen, weil für ihre Kinder dahier keine Gelegenheit zum Besuch einer höheren Schule vorhanden ist.“
Die Stadtverwaltung beantragte die Errichtung einer 2-klassigen Oberschule, die dann zu einer 6-klassigen Anstalt ausgebaut werden sollte. Sie machte einen Vorschlag zur Unterbringung der zwei Klassen und erklärte sich bereit, die weiteren Räume zu erstellen.
„Die Raum- und finanzielle Frage kann hiernach nunmehr als gelöst betrachtet werden.“
Diese Aussage galt eher im Außenverhältnis. In Aulendorf selber nämlich kursierten Befürchtungen, die sich in einem Schreiben der Interessengemeinschaft an den Bürgermeister niederschlugen:
„Um den Gerüchten, die zur Zeit über die Raumfrage der Oberschule verbreitet werden, (es müsse wieder (?) in den Wirtschaften Schule gehalten werden u.s.w.) entgegenzutreten, bitte ich um Einberufung einer kurzen Besprechung, um eine endgültige Klärung in dieser Angelegenheit zu schaffen.“
Die Interessengemeinschaft schaltete auch den damaligen Landtagsabgeordneten Rack ein, mit dem Alfons Braun befreundet war. Er nahm sich der Aulendorfer Sache an und machte den Vorschlag, eine namentliche Erhebung der Schüler der 4. und 5. Klasse vorzunehmen, die man in Tübingen und Stuttgart vorlegen könne. Immerhin erklärten 98 Eltern, ihr Kind, sofern es denn die Aufnahmeprüfung bestehe, auf die „Real-Lateinschule“ schicken zu wollen.
Aber auch Rack konnte nicht verhindern, dass der Aulendorfer Antrag in Tübingen zunächst einmal auf Eis lag. Wahrscheinlich ist, dass die Kultusverwaltung im Frühjahr und Sommer 1952 weitgehend mit dem Überleitungsverfahren von Tübingen nach Stuttgart beschäftigt war. Vorsorglich richtete die Interessengemeinschaft im Oktober 1952 deshalb auch einen Brief nach Stuttgart „An das Kultministerium, zu Hd. v. Herrn Dr. Schenkel“ und bat darin den Minister des nun wiedervereinigten Landes, „sollte unser Antrag nach Stuttgart übergeleitet werden‚ um die ersehnte Genehmigung.
Immerhin - im Herbst dieses Jahres wurde dann bei einer Besprechung in Tübingen den Mitgliedern Aisenbrey, Henkel und Hafner mündlich die Errichtung einer Oberschule in Aulendorf zugesichert.
Alfons Braun schreibt:
„Auch Herr Rack hatte interveniert und bekam den gleichen Bescheid. Man wartete und wartete bis Jahresende. Inzwischen verfolgte ich in den Zeitungen die Lösung dieses Problems im allgemeinen. Ich war dann der Einzige, der daran zweifelte, daß für Aulendorf die Oberschule genehmigt ist. Da beantragte ich die Einberufung der Interessengemeinschaft. In den ersten Januartagen 1953 kamen zusammen im unteren Zimmer der alten Schule: von der Stadt die Beigeordneten Blaser und Heim, dann Rektor Roth, von der Interessengemeinschaft: Aisenbrey, Hafner, Henkel, Theoboldt, Enz und Braun. Ich machte den Männern klar, dass eine sofortige Fahrt nach Tübingen nötig sei, um den Stand der Sache zu prüfen. Die Fahrt wurde ausgeführt und - siehe da, die Schule war nicht genehmigt.“
Es muss offen bleiben, wie der Umstand zu werten ist, dass die Errichtung der Schule noch nicht genehmigt war. Alfons Braun schien der Auffassung zu sein, dass die Tübinger Behörde die Schule für Aulendorf nicht wollte:
„Hätte man vertrauensvoll auf die schriftliche Zusage von Tübingen aus gewartet, hätte meiner Ansicht nach die Oberschule in Aulendorf zu den verpassten Angelegenheiten gehört.“
Auf der anderen Seite ergibt sich aus den Unterlagen aber auch ein klarer Hinweis auf die in Tübingen deutlich vorhandene Bereitschaft, den Aufbau der gewünschten Schule zu genehmigen.
Der Bürgermeister schrieb am 8. Januar 1953 an G. Aisenbrey: „In Sachen Oberschule erfolgt die Besichtigung des Gebäudes durch den Gemeinderat am nächsten Mittwoch mit anschließenden Kaufverhandlungen. Gleich darauf müssen wir mit dem Abgeordneten Rack, Saulgau, nach Tübingen und auf den Besuch und das Versprechen des Reg.-Direktors Breitinger vom 22. Oktober 1952 Bezug nehmen. Wenn wir dabei den Nachweis über die Erstehung eines Oberschulgebäudes führen können, dürfte alles auf den 1. April 1953 in Ordnung gehen.“
Am wahrscheinlichsten dürfte es sein, dass zu diesem Zeitpunkt die Gespräche zwischen dem Bürgermeisteramt und der Behörde weiter gediehen waren, als es dem Informationsstand der Interessengemeinschaft entsprach.
Jedenfalls war aus Sicht der Interessengemeinschaft der Umstand, dass die Schule noch nicht genehmigt war, höchst alarmierend. Es blieb nur noch der Weg der direkten Einwirkung auf das Kultusministerium in Stuttgart. Dieser Weg erschien umso erfolgversprechender, als Gotthilf Aisenbrey im Kultminister Dr. Schenkel und dessen Staatssekretär Hochstetter zwei Bekannte, ja Freunde aus vergangener Zeit fand. (Kultminister Dr. Schenkel hatte als Pfarrer den jungen Gotthilf Aisenbrey 1920 konfirmiert, sein Staatssekretär Hochstetter war mit Aisenbreys Vater in dessen Stuttgarter Tagen im gleichen Gesangverein gewesen.)
An die nun umgehend ausgeführte Fahrt nach Stuttgart erinnert sich G. Aisenbrey noch gut:
„An der Fahrt nahmen die Herren Hafner, Enz, Theoboldt und ich als Vertreter der Interessengemeinschaft teil. Herr Blaser fuhr als Vertreter von Bürgermeister Vochezer ebenfalls mit.
Die einstündige Gesprächsrunde, an der auch zwei Vertreter des Finanzministeriums teilnahmen, verlief zwanglos und harmonisch.“
Damit erhielt nun Aulendorf seine Oberschule, zunächst in der sechsklassigen Form als Progymnasium. Der Erfolg war größer, als man zunächst gehofft hatte, war doch nicht nur die Errichtung einer Oberschule vom Minister zugesichert worden, sondern gleich auch ihr Aufbau in sechs Klassen! Kein Wunder, dass die Herren diesen Abend noch mit dem erhebenden Erlebnis einer Aufführung von Mozarts Zauberflöte in Stuttgart abschlossen.
Zurückgekehrt nach Aulendorf, erreichte Gotthilf Aisenbrey im April 1953 ein Schreiben des Bürgermeisteramts: „Einladung zur Eröffnung der ersten „Oberschule-Klasse“ am Mittwoch, den 15. April 1953, vormittags 10.00 Uhr im Rathaussaal.“
Der Bürgermeister übernahm die Begrüßung und stellte dann als Amtsverweser Assessor Meiser vor. Gemeinsam besichtigte man anschließend das "Schullokal, in welchem die Oberschüler versammelt sind“, und nahm zum Abschluss ein Mittagessen im Kurhaus Hotel Löwen ein.
Aulendorf besaß nun ein Gymnasium!

NACHWORT
Dem Verfasser dieses Rückblicks ist es ein Anliegen, den Mitgliedern der beiden Interessengemeinschaften zu danken. Sie haben sich nicht nur erfolgreich für die Errichtung der Schule eingesetzt, sie haben schon im Jahr 1949 ein Beispiel für bürgerschaftliches Engagement gegeben. Die Lebendigkeit der Auseinandersetzung, ihre Unmittelbarkeit, ist noch heute aus den Unterlagen spürbar. Für die Schule ist der Umstand, dass sie aus einer Bürgerinitiative hervorgegangen ist, darüberhinaus aber Ansporn und Verpflichtung:
„Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.“
Mein Dank gilt Herrn Aisenbrey, Herrn Theoboldt, Herrn Hasenmaile und Herrn Dr. Mack.

J. Schröder
Schulleiter

Literatur

M. Miller, P. Sauer, Die württembergische Geschichte von der Reichsgründung bis heute Stuttgart 1971

40 Jahre Baden-Württemberg, Aufbau und Gestaltung. Im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde Stuttgart 1992

Baden-Württemberg, Eine politische Landeskunde. Herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Baden - Württemberg Stuttgart 1985 (3. Auflage)

Das Land Württemberg - Hohenzollern 1945 –1952. Darstellungen und Erinnerungen. Herausgegeben von M. Gögler und G. Richter in Verbindung mit Gebhard Müller Sigmaringen 1982

Rolf Winkeler, Schulpolitik in Württemberg-Hohenzollern 1945 – 1952 Stuttgart 1971

DIE ERSTE KLASSE
Erst wenige Jahre zuvor hatten wir am ersten Kinder- und Heimatfest nach fleißiger Übung unseren Heimatort und den „Eisenbahnknotenpunkt“ Aulendorf besingen dürfen: „Zum Städtchen bist du nun erhoben“. Danach hatten sich Bürgermeister Vochezer, Gemeinderat und einige — damals noch kinderreiche - Eltern darum bemüht, das örtliche Bildungsangebot zu erweitern, zunächst um ein sechsklassiges Progymnasium. Bei 4000 Einwohnern des Ortes und mit einigen Dörfern ringsum rechneten sie sich aus, dass genügend lernbereite Schüler das Angebot nutzen würden. Die Mühen lohnten sich; schließlich fand man auch ein Gebäude in der Zollenreuterstraße 9, das für die ersten Jahrgänge in Stufen passend gemacht wurde. Das evangelische Gemeindehaus sollte nämlich frei werden durch Bau von Kirche, Gemeindesaal, Pfarrhaus und Kindergarten für die seit dem Krieg deutlich gewachsene evangelische Bevölkerung. Wie es sich für unsere Stadt gehört, lag unsere Schule nahe am Bahnhof, so dass auch unsere Fahrschüler zufrieden sein durften. Glück im Unglück: häufige fieberhafte Erkrankungen verhinderten, dass ich nach der Aufnahme in die 1. Gymnasiumsklasse des „Klösterle“ in Ravensburg dort bleiben konnte. Meine Eltern beschlossen, ich solle also lieber in Aulendorf das verkürzte Halbjahr in der 5. Volksschulklasse verbringen und dann ins Progymnasium eintreten (das Schuljahresende wurde gerade vom Herbst aufs Frühjahr verlegt). Auf diese Weise wurde mir eine Härte erspart, welche ältere Schüler, darunter auch meine beiden älteren Geschwister, auf sich nehmen mussten: um 6.02 Uhr bestiegen sie den Frühzug nach Ravensburg, um dort - noch lange vor Schulbeginn - im „Klösterle“, im Spohn - oder im Alten Gymnasium einzutreffen. Nachmittags oder gegen Abend kamen sie erschöpft nach Hause, natürlich nicht befreit von Schulaufgaben, wenn auch oft entlastet von häuslichen Pflichten.
Dem genannten Zufall verdanke ich es also, dass ich zu den Schülern der ersten Klasse des „Progymnasiums“ in Aulendorf gehören durfte. Da ich die Aufnahmeprüfung schon fürs „Klösterle“ abgelegt hatte, musste ich nicht mehr in Begleitung von Schullehrer Ostoba zum Test nach Ravensburg ins Spohngymnasium fahren wie die andern.
Am 15. April 1953 fanden wir uns also sehr gespannt in unserer kleinen neuen Schule ein; wir waren eine gemischte Klasse von etwa 35 Schülern. Zunächst nahmen wir nur einzelne Räume in Beschlag: das Klassenzimmer, das Lehrerzimmer; jedes Jahr kam ein weiteres Klassenzimmer hinzu, bis - eine spannende Sache - etwa nach 5 Jahren das schön renovierte alte Schulgebäude in der Hauptstraße für uns bereit stand. Unsere Klasse war also immer die der „Ältesten“.
Herr Studienassessor Meiser kam anfangs täglich aus Ravensburg mit seinem VW Cabrio angefahren; wir haben ihn gefürchtet, geachtet, verehrt, je nach Geschlecht und Temperament. Die einen verziehen ihm nicht, dass er zarte aufkommende Freundschaften unzart anprangerte, die andern saßen in der Anfangszeit nach Schulschluss noch auf den Schulbänken herum, um ein wenig mit ihm zu plaudern. 6 Jahre lang war er unser Klassenlehrer und Schulleiter, schließlich zum Studiendirektor aufgerückt. Wenn wir es, in sehr engen Grenzen, zu toll trieben, strafte er Tafel und Tisch an unserer Stelle, indem er an erstere die Kreide warf oder auf letzteren schlug, was korrekt war. Er lehrte uns zunächst in den meisten Fächern; im ersten Jahr mussten wir uns schon mit Französisch abmühen.
Zum Turnen waren wir Gäste in unserer ehemaligen Volksschule; auch Fräulein Eva Roth ließ uns als Musiklehrerin nicht im Stich. In jedem weiteren Jahr fand eine weitere „Gymnasiallehrkraft“ zu uns, so dass sich das Kollegium ganz allmählich vergrößerte und die Sache für uns wieder interessanter wurde. Jetzt war es auch mal möglich, einem Lehrer zu zeigen, wie tüchtig unsere Buben waren: das Fahrzeug, ein Messerschmitt-Kabinenroller, ließ sich leicht anheben, so dass der verständnisvolle Herr Johner geduldig warten musste, bis er losfahren konnte. Schlimmer war die Tinte auf Herrn Schlichtes Kittel und die Unverfrorenheit der Schüler, am heißesten Tag zur Mittagsstunde die Lehrerin durch Unruhe zum Weinen zu zwingen. Im übrigen waren unser aller „Verhältnisse“ noch recht bescheiden (was man an der sehr spärlichen Schwarz-Weiß- Foto-,,Dokumentation“ sehen kann), stärkten jedoch Verantwortungsgefühl und Zusammenhalt. Zum Beispiel die Heizung:
Im Winter zündete unsere Hausmeisterin morgens im großen eisernen Ofen das „Wasen“feuer an; es war dann unsere Aufgabe, in den Pausen genügend Torfstangen nachzulegen. Der vom stadteigenen Torfmoor gelieferte Wasen wurde in einem Weidenkorb zu Zweit vom Wasen- und Fahrradkeller heraufgetragen. Unsere Buben erhielten somit nebenbei - wie es sich für ein Dampflokstädtchen geziemte - eine Heizerausbildung. Die Mädchen übernahmen dafür das Frieren — ich besonders, da ich am Fenster saß, das in jeder kleinen Pause obligatorisch zum Lüften geöffnet werden musste. Den Ausbildungsstand und das Talent der verschiedenen Heizer konnte die Klasse leicht durch Frieren, Schwitzen oder an Qualmwolken beurteilen. Dass die Rauchzeichen manchmal das überfällige Pausensignal ersetzten, haben lernfähige Lehrer schnell begriffen.
Unsere „Verpflegung“: während manches Vesperbrot aus unserem engen, umzäunten, teils abschüssigen Schulhof ins Nachbargelände der Post fiel und zu Klagen von dort Anlass gab, konnten begüterte Schüler sich freuen: in der großen Pause kam jemand von der Bäckerei Eigeltinger mit einem Korb voller frischer Backwaren; von der schräg gegenüberliegenden Milchverkaufsstelle (dem zur Zeit freigelegten Denkmal-geschützten Stadel) wurden Milch- und Kakaoflaschen ebenfalls im Kellereingang unserer Schule präsentiert. Ich erinnere mich noch genau an meine damalige Taschengeldplanung:
mit DM 1,- pro Woche konnte ich täglich 2 Brezeln zu 6 Pfennig erwerben und hatte noch ein wenig übrig (eine Kugel Eis kostete 10 Pfennig). 1955 hätte uns beinahe ein trübes Schicksal ereilt: dem Progymnasium drohte die Auflösung, obwohl 2 Jahrgänge schon über 60 Schüler umfassten. Im Provinz- und Eisenbahnerstädtchen brach ein Entrüstungssturm los; Oberschulamt und Kultusministerium wurden von verschiedenen Aulendorfer Gremien und Gruppen gedrängt, das so hoffnungsvoll Begonnene nicht schon wieder schmählich eingehen zu lassen...
Mit dem Sieg infolge dieses Engagements haben die Aulendorfer gezeigt, dass sie ein wahrhaft freies und selbstbewusstes Bürgertum leben und höherer Bildungschancen in aller Zukunft würdig sind.

Dr. Margarete Brünner